Heute ist Freitag und ich spüre beim aufwachen ein bisschen mehr Energie, die ich die letzten Tage so vermisst habe. Ich entwirre meine geflochtene Haare und trinke dabei meine vegane Vanillemilch. Ich rauche zwei und schaffe es sogar roten Lidschatten aufzutragen. Auf der Arbeit fragen mich die Kinder aus meiner Gruppe "Warum ich denn plötzlich Locken habe und warum rote Farbe auf meinen Augen ist?". Ich kenne diese Fragen und antworte immer gleich "Weil es mir gefällt." Sonst sieht man mich nur ungeschminkt und mit roten glatten Haare, die oft total verwuschelt sind. Ich halte mein Integrationskind, die Autismus hat, die meiste Zeit auf dem Arm, rede mit der Frühförderung und spüre, dass ich so langsam Fuß gefasst habe, als Integrationskraft, obwohl ich dazu keine Ausbildung gemacht habe. Ich laufe umher um Sachen zu erledigen, schimpfe, wiege das Essen ab für das Kind, was Diabetes hat, lege meine kleine Zwerge schlafen, helfe beim anziehen, rede mit meinen KollegInnen und endlich schlägt die Uhr 14 Uhr und ich mache mich auf den Weg zum Auto meines Papas, der mich um diese Zeit immer abholt, damit wir zusammen einkaufen gehen. Mein Einkauf ist immer gleich: viel Gemüse, vegane Lebensmittel, Toast, Eiskaffee, Gewürzgurken und Bier. Jedes Mal aufs neue motzt mein Papa im liebevollen Ton "Warum hast du immer noch kein Fahrstuhl im Treppenhaus eingebaut", als wir die Einkäufe hoch tragen. Und als ich mein Bier einräume sagt er mal wieder: "Du trinkst viel zu viel." Wir rauchen noch eine auf meinem Balkon und wie jedes Mal, wenn wir uns im meiner Wohnung treffen, fragt er mich: "Fühlst du dich hier wohl? Hast du dich hier eingewöhnt? Fühlst du dich in der großen Wohnung nicht alleine? Möchtest du am Wochenende wieder zu uns kommen?" So viele Frage und muss an die letzten Therapiestunde denken, wo meine Therapeutin sagte: "Das alleine sein in der Wohnung tut dir nicht gut. Du isolierst dich viel zu sehr. Du brauchst Menschen, zu denen du eine Bindung spürst." Aber ich antworte mein Papa: "Mir geht es hier gut. Ich habe mich eingewöhnt und für mich ist die Wohnung nicht zu groß." Ich umarme mein Papa zum Abschied und packe all meine Einkäufe weg. Vegane Lebensmittel, Gemüse, Toast und Bier halten mich am Leben. Was irgendwie ironisch klingt für meinen Magen, weil ich so viele Tage in der Woche, kein Essen zu mir nehme. Was das über mich aussagt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich im Moment immer ein Bier im Rucksack habe und mich unruhig fühle, wenn ich das mal vergesse habe. AlkoholikerInnen kennt man aus Bücher oft nur als gewalttätig. Ich erinnere mich an meine frühere besten Freundin, wo die Mutter Alkohlikerin war (und wahrscheinlich noch ist) und sie meiner Freundin einmal versucht hat mit einem Kissen zu ersticken und sie deshalb so oft bei mir übernachtet hat. Ich möchte mich von dieser Art von Alkoholismus nicht identifizieren. Ich war noch keinem Menschen über gewalttätig. Nur zu Gegenständen und gegenüber mir selber. Es macht mich unruhig darüber nachzudenken, dass diese Diagnose eigentlich zu mir gehört. Ich kratze eine Wunde auf, die schon seit Wochen nicht verheilt und schaue meine kaputte Hände an, die bei jeder Bewegung brennen. Das alleine sein in meiner Wohnung schiebt mich immer mehr in die Dunkelheit. Hier ist kein Rettungsanker, der mein Papa ist. Hier brauche ich mein Alkoholkonsum nicht verstecken. Hier kann ich mich so lange in Selbstzerstörung suhlen, bis ich nicht mehr weiß, wer ich bin, außer das. Kann kein Engel sein, weil der Teufel diese Welt regiert. Muss mich verschwenden. Meine Grenzen klär' ich selbst mit mir.







