Die Melodie löst bei ihnen Hoffnung aus. Heute hebt das Festivalgesocks die Faust. Aber morgen wachen sie in ihrer Kotze auf.










Der Tag vor Rock am Ring war die Hölle. So viel Druck lag auf meiner Brust und die Angst und die Panik wollten mich an ganzen Leibe auffressen. "Was ist, wenn es mit der Ferienwohnung nicht klappt? Was ist, wenn ich durchdrehe unter so vielen Menschen? Was ist, wenn ich die ständige Anwesenheit von M. nicht ertrage? Was ist, wenn ich unüberlegtes tue, weil M''s Nähe sich irgendwann wie ein Feuer auf meiner Haut anfühlt?" 

Dann war der Tag und die Müdigkeit zeichnete sich in meinen Augenringen ab. Die ganze Autofahrt über saß ich neben M. vorne und wie durch ein Wunder ließ mich die ganze Fahrt über meine Panik in Ruhe. M. fuhr so sicher, dass ich ganz vergessen hatte, wie schrecklich sich das Autofahren sonst für mich anfühlt. Die Ferienwohnung lag ganz abgelegen. Alles war still. Nur ein paar Bewohner schauten mich grimmig an. "Ich sehe doch nicht recht. Trägt sie da wirklich eine kurze Hose mit einer Netzstrumpfhose. Und oh gott, sie hat noch rote Haare und seht ihr,  Tattoos und Piercings hat sie auch noch." Wir fuhren weiter und kurze Zeit später waren wir auf dem Festivalgelände. Es war so überwältigend. So viele Menschen. So viele Stände. Ein Riesenrad und ein riesiger Hirsch von Jägermeister. Überall spielte Musik. Ich wusste gar nicht wie mich fühlen sollte. Ich war froh das meine Schwester, ihr Freund und M. an meiner Seite war. Es floss Bier, Jägermeister und zum Schluss auch noch Regen. Kurz vor SDP kam dann der große Knall. M. war verschwunden und ekelige Männer, die betrunken waren, sprachen mich an und berührten mich. Mein Herz war in Flammen und voller Panik. Ich wollte mich ganz klein machen. Niemand sollte mich je mehr berühren. Und nach fast einer Stunde haben wir endlich M. wieder gefunden und ich muss gestehen, ich habe mir mehr Sorgen um ihn gemacht, als ich eigentlich wollte. 

Am Samstag Morgen wurden M. und ich gleichzeitig wach. Er schaute mich die ganze Zeit über an. Sein Lächeln dabei zeigte mir etwas, was ich seit langem bei ihm nicht mehr gesehen habe. Lauter gute Bands spielten am Samstag. Bei Feine Sahne Fischfilet bin ich nahezu durchgedreht. Konfetti flug und meine Haare war voll davon. Jede Zeile von ihrem Songs gaben mir so viel Halt und Kraft. Danach spielte Bring me the horizon und M. ließ mich nicht aus den Augen. Er nahm meine Hand als wir durch die Mengen liefen. Die Angst ihn nochmal zu verlieren wollte nicht aufhören. Bei den Ärzten standen wir wieder zu zweit da. Wieder sprach mich ein betrunkener an und berührte mich viel zu häufig. Erst als ich auf M. zeigte, machte er große Augen und verschwand. Nach diesem Vorfall hielt mich M. in dem Arm um all die betrunkenen Männer von mir fern zu halten.

 Am Sonntag verließen uns meine Schwester und ihr Freund. So war ich ganz alleine mit M. und es fühlte sich komischerweise nicht bedrohlich an. Wir saßen Nachmittags die meiste Zeit in der Sonne und redeten. Wir redeten auch darüber, dass mich sehr viele Männer angesprochen haben. Er meinte dazu: "Die scheinen dich wohl alle sehr hübsch zu finden. Ich weiß, dass du für dich selber sprechen kannst. Aber wenn ich merke, dass das nicht klappt, stehe ich hinter dir und prügel mich notfalls mit denen." Ich war verwundert, aber es fühlte sich gleichzeitig so gut an. Ich kann auf ihn zählen. Ich bin nicht alleine.
Er gab mir ein Jägermeister und ein Bier aus. Ich ihn Kippen und danach noch ein Jägermeister.
Kurz vor Alligatoah gingen wir auf Klo. M. wartete auf mich damit nicht alleine dort  stehen musste. Dann sprach mich wieder ein Kerl an und hielt fest meine Hand. Ich zog so schnell meine Hand weg wie es nur ging. Nachdem er weg war, sagte M. zu mir: "Ohne Witz, hätte er eine Minute länger deine Hand gehalten, hätte ich mich mit ihm geprügelt." Ich hätte nie gedacht, dass ihn sowas so sehr mitnimmt. Alligatoah, Slipknot und Casper und Marteria spielten. Und immerzu nahm M. mich fest in den Arm. In der Menge von so vielen Männer, fühlte ich mich sicher. Doch nur weil M. bei bestimmten Songs mich nicht los ließ.

Montag fuhren wir zurück und jetzt, wo ich zuhause bin, kann ich sagen, dass es eine schöne Zeit war. Ich erinnere mich gern zurück an die Zeit, wo ich mit meiner Schwester blöd getanzt habe, ich mein Bier verschüttet habe, das Met überall in mein Ausschnitt lief, das der Regenponcho bei meiner Schwester so lustig aussahen, das M. sich darüber lustig gemacht hat, dass ich nicht Pommes mit Ketchup essen konnte ohne mich voll zu sauen, an den schönen Sonnenuntergang, an die vielen Lieder, die mein Herz erwärmten, an das kuschelige Bett in der Ferienwohnung und an die Sicherheit, die ich spürte. Jetzt fühlt sich das alles an wie ein Traum. Selten habe ich mich je so einsam gefühlt. Die Stille jagt mir Angst ein. Die Tage auf den Festival, wo ich viel ungesundes gegessen habe, hat die Essstörung sauer gemacht. Nun verbringe ich wieder meine Tage mit hungern und Bierdosen leeren. Und mit einer Sehnsucht, die ich kaum greifen kann. Ich sehne mich nach etwas. Aber nach was? Der guten Musik? Die Tage, wo ich meine Gedanken loslassen konnte? An das Gefühl, dass M. auf mich aufpasst? An das Gefühl schwerelos zu sein obwohl ich was gegessen habe? Daran das ich so weit weg war von meinem Geisterdorf? Oder nach dem Gefühl, dass ich M. nicht scheiß egal bin? Jetzt wo ich das Gefühl habe ganz alleine zu sein, fehlt mir diese Sicherheit. Und ich hasse es, dass schöne und warme Momente mich nachdem ich sie erlebt habe, traurig machen.